reduce to the max: Tiny Houses von WOHNWAGON

by Andrea Baum
Tiny Houses Wohnwagon - Bild Theresa Mai
Lassen sich Bauen und Wohnen nachhaltig denken und realisieren? Im Einklang mit der Natur? Mit Autarkie? Mehr Sinn?

Tiny Houses

Jede*r fängt mal klein an? Okay, dann gilt das auch für Tiny Houses! Immer beliebter werden sie. Mehr als nur ein Trend, sind sie heute eine starke Haltung.

Be inspired. Live better.

Ein Architektur-, Bau- und Wohnkonzept, das unserer Konsum-, Leistungs- und Wachstumsgesellschaft zukunftsfähig antwortet: weg vom Raubbau an unseren natürlichen Ressourcen und der Beeinträchtigung unserer Gesundheit – hin zur Reduktion aufs Wesentliche. Doch wenn weniger mehr ist im Leben – wie kann dieses Weniger aussehen? Lassen sich Bauen und Wohnen nachhaltig denken und realisieren? Im Einklang mit der Natur? Mit Autarkie? Mehr Sinn? Wir haben mit Theresa Mai gesprochen, Geschäftsführerin von WOHNWAGON – einem österreichischen Unternehmen, das Green Living maßgeblich mitgestaltet.

Hi Theresa, freut mich sehr, dass du dir Zeit nimmst!

Klar, immer gern!

Bevor wir zu euren Tiny Houses an sich kommen: Was braucht es aus deiner Sicht für ein gutes zufriedenes Leben – arbeitet und lebt ihr bei Wohnwagon nach bestimmten Wertevorstellungen?

Die Probleme unserer Zeit sind komplex und vielfach verstehen wir nur einen Bruchteil der Zusammenhänge. Ich bin dennoch überzeugt, dass wir ein paar einfachen Grundprinzipien folgen können, um wieder in die richtige Richtung zu steuern und uns auch ein gutes Leben aufzubauen, in dem wir wieder mehr Selbstbestimmung, Sinn, Wirksamkeit und Verbindung erleben können. Wir haben bei WOHNWAGON 4 Grundprinzipien rund um nachhaltiges Wohnen für uns definiert:

  1. Mit der Natur zu arbeiten. Wir wollen den Ort, an dem wir Projekte realisieren, besser hinterlassen, als wir ihn vorgefunden haben.
  2. Selbstbestimmung und Autarkie zu fördern und in Kreisläufen zu denken – technisch, wirtschaftlich und ökologisch.
  3. Die Reduktion auf das Wesentliche ins Zentrum zu stellen. Sich nicht zu fragen „Wie viel kann ich jemandem verkaufen?“. Sondern: „Was brauchst du eigentlich wirklich?“
  4. Gemeinschaft und Vernetzung zu stärken, Nachbarschaften zu entwickeln und unsere Community dabei zu unterstützen, sich gegenseitig zu helfen. Dieser Austausch, lebendige Verbindungen, das macht uns erst wirklich unabhängig. 

Nun zum Tiny House von Wohnwagon: Was ist das Besondere daran, welche Features gibt es, was kann es?

Wir haben den Wohnwagon vor mittlerweile über 10 Jahren entwickelt als Flaggschiff, um unsere Überlegungen für ein zukunftsfähiges Bauen und Wohnen greifbar und spürbar zu machen. Und um klarzumachen: Es gibt konkrete Lösungen! Der Wohnwagon ist eine nachhaltige und flexible Wohnform, gebaut als Massivholz-Modul aus Naturbaustoffen mit Schafwolldämmung, Lehmputz und Co. Er versiegelt keinen Boden und versorgt sich auf Wunsch im Kreislauf mit der Natur mit Strom, Wärme und Wasser.

Wir haben viel Zeit für Forschung und Entwicklung investiert, um eine weitestgehend autarke Versorgung zu ermöglichen und damit den Bewohner*Innen ein Minimum an Fixkosten zu garantieren. Eine Photovoltaik-Anlage mit intelligenter Steuerung sorgt für die Stromversorgung, auch Regenwassernutzung und wasserlose Bio-Toiletten können auf Kundenwunsch im Projekt integriert werden.

Unsere Tiny Houses stehen meist als Ergänzung auf gepachteten Flächen und ermöglichen kleine, nachbarschaftliche Wohnprojekte, Nachverdichtung, Nutzung von Flächen, die sonst nicht zum Wohnen geeignet wären. Die Eltern übergeben beispielsweise das große Einfamilienhaus an die junge Generation und stellen eine kleine Wohneinheit für sich daneben. Garten und Wirtschaftsräume können gemeinsam genutzt werden, es entstehen neue soziale Treffpunkte, ohne die individuellen Rückzugsräume zu verlieren.

Wir kooperieren mit Gemeinden, machen brachliegende Baufläche zu lebendigen Orten, ohne dass der Grundstücksbesitzer sein Land verkaufen muss, und entwickeln auch ganze Grundstücke gemeinsam mit Kooperationspartnern.

Tiny Houses Beispiel
Die Tiny Houses von Wohnwagon sind nachhaltig, flexibel und autark. Foto (c) Daniel Zangerl/Wohnwagon

Ihr gebt euren Tiny Houses Vornamen. Warum und welcher ist dein persönlicher Liebling?

Wir planen jedes Projekt individuell für unsere Kund*Innen, da steckt viel Liebe drin und viel Erfahrung im Umgang mit unterschiedlichsten Wohnbedürfnissen. Da macht es natürlich Sinn, dass unsere Kunden ihrem neuen Zuhause einen Namen geben! Und auch wir haben unseren beliebtesten Grundmodellen Namen gegeben, die gut zu ihrem Charakter passen: Fanni ist unser beliebtestes Modell, Hubert und Clara bieten etwas mehr Wohnraum und machen das Thema Wohnen auf kleinem Raum auch für Familien umsetzbar.

Mein ganz persönlicher Liebling ist gerade Clara, das 45m2 große Modell baue ich gerade mit meinem Mann gemeinsam. Es enthält alle meine privaten Lieblingslösungen aus 10 Jahren Firmengeschichte: Ein großzügiger offener Wohnraum mit unterschiedlichen Lieblingsplätzen, zwei getrennte Schlafzimmer, eine großzügige Küche und viel Verbindung mit der Natur. Aber jeder muss natürlich selbst entscheiden, mit welcher Größe man sich wohl fühlt!

Für Tiny House Projekte über 45m2 entwickelt unser Modulhaus-Team auch komplett individuelle Grundrisse, stapelt Module zweistöckig übereinander und optimiert den Grundriss für das vorhandene Grundstück. Wer sich unsicher ist, kommt am besten mal zum Probewohnen vorbei!  

Tiny Houses Almwagen Fanni Innenansicht
Jeder Wohnwagon wird individuell geplant und bekommt einen eigenen Vornamen. Auf dem Bild: Almwagon Fanni. Foto (c) Wohnwagon

In der Gemeinde Gutenstein in NÖ habt ihr zudem die „Dorfschmiede“ gegründet. Was hat es mit ihr auf sich?

Wir beschäftigen uns seit über 10 Jahren mit dem Thema Autarkie und Selbstbestimmung, weil wir überzeugt sind, dass nur ein positiver Wandel möglich ist, wenn man auf eigenen Füßen steht, sich frei entscheiden kann, in welche Richtung man sein Leben entwickeln kann.

Dabei helfen eine unabhängige Versorgung, geringe Fixkosten, eine Reduktion auf das Wesentliche. Wohnwagon war aber nie als Einsiedler-Projekt gedacht, es geht auch um lebendige Verbindungen zwischen Menschen, um einen Austausch und die Förderung von Kooperation.

Um hier selbst Erfahrungen zu sammeln und auch solche Kreisläufe in der Region bewusst zu fördern, haben wir die Dorfschmiede gegründet, eine gemeinnützige Genossenschaft, mit der wir lebendige Verbindungen unterstützen, wirtschaftlich und sozial. Wir organisieren Veranstaltungen, vermieten Kleinstwohnungen, betreiben eine Frühstückspension und die Dorfküche und möchten so einen positiven Beitrag in der Region leisten.

Man kann also sagen: Mit Wohnwagon und der Dorfschmiede geht es euch nicht allein darum, natürliche Ressourcen zu schonen, sondern auch das Wohlbefinden der Menschen zu fördern?

Na klar! Wir machen das alles auch komplett eigennützig für uns selbst: Wir möchten selbst so wohnen und leben und es auch anderen leichter machen, sich diesen Lebenstraum zu erfüllen!

Wir begegnen vielen Menschen, die unsere Werte teilen, denen aber die Werkzeuge und das Wissen fehlen, um komplett auf eigene Faust ein solches Wohnprojekt auf die Beine zu stellen! Hier freuen wir uns, wenn wir mit unserer Erfahrung begleiten können und sehen nach über 150 realisierten Projekten auch, was für einen wertvollen Beitrag wir mit dem Thema Wohnen leisten können.

Wenn du so durch die internationale Bauingenieur- und Architekturlandschaft schaust: Gibt es etwas, dass dir bei der Planung und Ausführung von Lebensräumen nach wie vor zu kurz kommt?

Hier gibt es noch richtig viel zu tun! Die meisten Projekte sind noch viel zu kurz gedacht. Beim Einsatz der Baumaterialien wird meist immer noch die billigste Variante bevorzugt, was dann für die Wohngesundheit und auch die Recyclingfähigkeit des Gebäudes fatale Auswirkungen hat.

Die Grundflächen sind nach wie vor viel zu groß und die Integration von Gemeinschaftsflächen spielt in der Entwicklung von Wohnraum noch kaum eine Rolle. Autarkie und geringe Fixkosten für die Bewohner kommen noch nicht in den Konzepten vor, dabei entstehen daraus so viele Potentiale! 

Finanzierungsmodelle für solche neuartigen Wohnkonzepte fehlen teilweise noch komplett, vielfach sind auch die Behörden bei der Genehmigung überfordert. Wir haben seit einiger Zeit auch die Möglichkeit, größere Grundstücke als komplettes Wohnprojekt zu entwickeln und dadurch integrierte Gesamtkonzepte für Neue Nachbarschaften anzubieten. Hier sehen wir viel Potential für das Wohnen der Zukunft!

Als „Frau Chefin“ bei Wohnwagon hast du ziemlich viele to-dos auf deiner list. Woher nimmst du deine enorme Ausdauer – und welche ist deine persönliche Vision für eine nachhaltige Zukunft?

Ich habe ein tolles Team, in dem jeder einen wertvollen Beitrag zur gemeinsamen Vision leistet und unser Firmenstandort befindet sich mitten in der Natur im wunderschönen Gutenstein, also einmal aus der Bürotür raus und schon ist man im Wald und kann durchatmen und Kraft tanken.

Mir geben auch die Rückmeldungen unserer Kunden viel Energie: Nach so vielen Jahren konnten wir bei vielen Menschen einen positiven Beitrag leisten zu einer Realisierung von ihrem Lebenstraum, zu mehr Naturverbindung und Unabhängigkeit! Manche Kunden werden direkt „Botschafter“ und bringen diese Vision von einem selbstbestimmten Leben in Verbindung mit der Natur wieder in ihrem Umfeld mit ein.

Es macht so Freude, dieses Ökosystem über die Jahre wachsen zu sehen! Das ist auch meine Vision: Ein starkes, vielseitiges Ökosystem mit lebendigen Verbindungen, das den Kunden und ihren Projekten gleichermaßen dient wie den MitarbeiterInnen und Partnern, die hier arbeiten. Wenn ich dazu einen Beitrag leisten kann, dass das gelingt, bin ich mehr als zufrieden.

Tiny Houses Wohnwagon - Bild Theresa Mai
Wohnwagon-Chefin Theresa Mai macht die Lebensträume ihrer Kunden wahr. Foto: (c) Wohnwagon

Abschließend: Was würdest du jungen Menschen mit auf den Weg geben, die sich für ein Studium in Bauingenieurwesen und Architektur interessieren?

Schaut über den Tellerrand, hinterfragt die klassische Baukultur und die vorgezeigten Wege und stellt euch vor allem selbst auf die Baustelle, spürt rein, riecht, fühlt welche Materialien ihr gut findet und womit ihr gestalten wollt.

Es geht beim Thema Wohnen nicht nur um die Errichtungskosten pro Quadratmeter, Architektur ist eine Dienstleistung an unserer Gesellschaft und gestaltet unser Sozialverhalten. Das ist eine enorme Verantwortung. Nehmen wir sie wahr!

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